Montag, 5. Dezember 2011

Der Rufende in der Wüste

Nachträglich zum gestrigen Zweiten Advent möchte ich den zweiten Teil der kleinen Reihe über P. Alfred Delps Adventsgestallten posten. Der Abschnitt kommt eigentlich noch vor dem kündenden Engel, da es aber von den Sonntagen her besser passt, sie in verkehrter Reihenfolge zu betrachten, habe ich den Rufer nun als zweites.
Wohl einer Zeit, die ehrlich von sich meinen darf, sie sei keine Wüste. Wehe aber einer Zeit, in der die Stimmen der Rufenden in der Wüste verstummt sind, überschrien vom Tageslärm oder verboten oder untergegangen im Fortschrittstaumel oder gehemmt und leiser geworden aus Furcht und Feigheit. Die Verwüstung wird bald so schrechlich und allseitig geschehen, dass den Menschen das geschriebene Wort Wüste von selbst wieder einfällt. Ich glaube, wir wissen das.
Aber immer noch erheben die rufenden Stimmen nicht ihre Klage und Anklage. Die Johannesgestalten dürfen keine Stunde im Bild des Lebens fehlen. Diese geprägten Menschen, vom Blitz der Sendung und Berufung getroffen. Ihr Herz ist ihnen voraus, und deswegen ist ihr Auge so hellsichtig und ihr Urteil so unbestechlich. Sie rufen nicht um des Rufens willen oder der Stimme wegen. Oder weil sie den Menschen die schönen Stunden der Erde neideten, da sie ja selbst ausgemeindet sind aus den kleinen trauten Kreisen des Vordergrundes. Sie haben den großen Trost, den nur der kennt, der die innersten und äußersten Grenzen des Daseins abgeschritten ist.
Sie rufen den Segen und das Heil. Sie rufen den Menschen in die Möglichkeit, die wandernde Wüste, die ihn überfallen und verschütten wird, aufzufangen durch die größere Kraft des bekehrenden Herzens.
(aus P. Alfred Delp SJ: Im Angesicht des Todes)

Wir leben hier und heute doch nicht in der Wüste.  Und überhaupt: Die Wüste scheint so weit weg; so grau, kalt und nass wie es draußen ist. Wo und wozu also suchen wir den Rufer? Wenn wir ihr überhaupt suchen wollen... 
Wo haben wir die Chance, ihn zu hören, der uns anklagt, der uns unsere Schuld bewusst macht, uns aufrüttelt, unbequem ist - und uns so auf die Ankunft des Größeren hinweist?

Die Stimme der Johannes-Gestalten scheint heute immer leiser zu werden, es scheint gar nicht mehr zeitgemäß, was sie rufen und so überhören wir sie gerne, aber in Wahrheit sind sie unserer Zeit voraus, sind sich gar selbst voraus. Und genau das schärft ihren Blick und ihr Urteil in und über diese Zeit. Genau das verleiht ihrem Ruf die Autorität, die wir so gar nicht wahr haben wollen.
Auch wenn uns ihr Ruf aufrüttelt und ungemütlich ist, unser in-dieser-Zeit-eingerichtet-sein verurteilt, so bringt es uns doch reichen Segen auf ihn zu hören. Ihr Ruf ermöglicht uns erst dem Herrn den Weg zu bereiten, um dann mit Ihm die Wüste unseres Seins zu durchqueren und durch Ihn nicht mehr dürsten zu müssen.


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