Mittwoch, 21. Dezember 2011

Die gesegnete Frau

Sie ist die tröstlichste Gestalt des Advent. Dass die Verkündigung des Engels das bereite Herz fand und dass das Wort Fleisch wurde und im heiligen Raum des mütterlichen Herzens die Erde weit über sich hinauswuchs in die gottmenschliche Welt hinein: Das ist die heiligste Tröstung des Advent. Was nützen uns Ahnung und Erlebnis unserer Not, wenn keine Brücke geschlagen wird zum anderen Ufer? Was hilft uns der Schrecken über Irrung und Wirrung, wenn kein Licht aufleuchtet, das dem Dunkel gewachsen und überlegen bleibt? Was nützt uns der Schauder in der Kälte und Härte, in denen die Welt erfriert, je tiefer sie in sich selbst sich verliert und ertötet, wenn wir nicht zugleich von der Gnade erfahren, die mächtiger ist als die Gefährdung und als Verlorenheit?
Es haben die Dichter und Mythenerfinder und sonstige Geschichten- und Märchenerzähler der Menschheit immer wieder von den Müttern geredet. Sie haben einmal die Erde gemeint, ein andermal die Natur; sie haben die geheimnisvollen schöpferischen Brunnenstuben des Alls mit diesem Wort erschließen wollen und das quellende Lebensgeheimnis beschwören. In all dem lag und liegt Hunger und Ahnung und Sehnsucht und ein adventliches Warten auf diese gesegnete Frau.
Dass Gott einer Mutter Sohn wurde, dass eine Frau über die Erde gehen durfte, deren Schoß geweiht war zum heiligen Tempel und Tabernakel Gottes, das eigentlich die Vollendung der Erde und die Erfüllung ihrer Erwartungen.
So vielerlei adventlicher Trost geht von dieser verborgenen und wartenden Maria aus. Dass dieses der Erde gegeben ward, die Frucht zu bringen. Dass die Welt vor Gott erscheinen durfte mit der bergenden Wärme , aber auch der dienenden und darum so sicheren Zuständigkeit des mütterlichen Herzens!
Die grauen Horizonte müssen sich lichten. Nur der Vordergrund schreit so laut und aufdringlich. Weiter hinten, wo es um die eigentlichen Dinge geht, ist die Lage schon ganz anders. Die Frau hat das Kind empfangen, es unter ihrem Herzen geborgen und hat den Sohn geboren. Die Welt ist ein anderes Gesetz geraten. Das sind ja alles nicht nur die einmaligen geschichtlichen Ereignisse, auf denen unser Heil beruht. Das zugleich die typischen Gestalten und Geschehnisse, die die neue Ordnung der Dinge, des Lebens, unseres Daseins anzeigen.
Wir müssen heute mutig daran denken, dass die gesegnete Frau von Nazareth eine dieser erhellenden Gestalten ist. Tiefer im Sein tragen auch unserer Tage unsere Schicksale den Segen und das Geheimnis Gottes. Es kommt nur darauf an zu warten und warten zu können, bis ihre Stunde kommt.
 (aus P. Alfred Delp SJ: Im Angesicht des Todes)
Die Messtexte der letzten Adventwoche beziehen sich auf die Ankündigung und Vorbereitung der Geburt Christi. Schon am Sonntag und auch gestern wurde die Geschichte der Begegnung Mariens mit dem kündenden Engel als Evangelium vorgetragen, in der heutigen Messe ging es um den Besuch Mariens bei Elisabeth und morgen wird das Evangelium feierlich in die Worte des Magnificat einführen. Maria wird durch ihr "fiat" zur Mutter Gottes, sie wird durch ihr "ja" reichen Segen empfangen und gleichzeitig zum Segen für die ganze Welt.
Diese Botschaft des Advent empfand P. Alfred Delp als die trochstreichste, als er im Winter 1944 in Gestapo-Haft in Berlin im Gefängnis war - sie ist auch heute in einer wohl friedlicheren und ruhigeren, dennoch so unsteten und von tiefer Spaltung und Gottferne geprägten Zeit ein großer Trost.
Eine Frau aus einfachen Verhältnissen und im jungen Alter wird Mutter des Erlösers der ganzen Menschheit. Sie wird zum Tabernakel des Allerheiligsten, zur Monstranz Christi. Mit ihrem ganzen Wesen weißt sie auf Jesus hin. Sicher verwahrt sie die Geheimnisse seines reichen Segens.
Durch das Licht der Frucht ihres Leibes wird die Dunkelheit der Welt vertrieben werden und das was uns vordergründig unruhig macht und gefangen hält wird durch die Tragweite ihrer Bereitschaft aufgehoben. 
Dieses ganze Mysterium ereignete sich nicht nur vor so vielen Jahren in so weiter ferne. Auch heute und hier geschieht die Menschwerdung Christi. Wir müssen nur warten bis die Stunde kommt. Wir dürfen im Stress und auch im Leid jedes einzelnen Lebens nicht die Gestalt aus den Augen verlieren, die uns gleichsam zu ihrem Sohn führt und Trost in allen Zeiten und Situationen menschlichen Ergehens spendet.
Warten wir mit ihr. Bereiten wir uns mit ihr auf die Geburt des Menschensohnes vor. Gehen wir mit ihr den Weg zum Stall in Bethlehem. Legen wir mit ihr das Kind in die Krippe. So wie es damals Pater Alfred Delp mit gefesselten Händen im Berliner Gestapogefängnis tat.


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