Freitag, 25. Mai 2012

Radfahren, Currywurst und Verkündigung

... ein kurzes Interview von Radio Vatikan mit dem Berliner Kardinal. Es ist schon ein paar Tage alt, aber zu schön, um übergangen zu werden:


Man spürt deutlich wie unterschiedlich die Meinungen und Stimmungen beim Katholikentag seien. Das sagte mir Kardinal Rainer Maria Woelki im Interview beim Katholikentag. Es gebe Brüche im Glauben, bei der Glaubensweitergabe, vor allem in den Familien. Das sei einer der Hauptbrüche, die sich fortsetzten in der Pastoral. In Berlin – Brandenburg – Vorpommern sei das noch einmal schwieriger als im Rheinland.
Dann haben wir aber auch über seinen persönlichen Stil gesprochen, das Fahrrad und das persönliche Zeugnis für den Glauben am Currywurststand im Wedding.
 
Herr Kardinal, es gefällt Ihnen noch in Berlin?
 
Auf jeden Fall! Natürlich, es ist eine Herausforderung Und es kostet etwas, hier als Christ zu leben, aber die Gemeinden sind sehr lebendig.
 
In Rom beim Konsistorium haben Sie vom neuen Gesicht gesprochen, das die Kirche brauche. Was soll das für ein Gesicht sein?
 
Wenn ich das richtig beobachtet habe, wird der Heilige Vater nicht müde, uns das Gesicht der Kirche vorzustellen, in dem er uns Jesus Christus vorstellt. Wir müssen als Getaufte und Gefirmte Jesus Christus ein Gesicht geben, unser Gesicht geben. Also ein neues Gesicht braucht die Kirche, dein Gesicht, mein Gesicht.
Dass wir Christus unsere Augen geben, damit er mit seinen Augen die Welt anschauen kann. Dass wir ihm unsere Stimme geben, dass er sein Wort durch unsere Stimme sprechen kann. Dass wir ihm unsere Hände geben, dass er heute so handeln kann, wie er damals gehandelt hat. Ich glaube, dass wir auf diesem Weg ein Stück Kirche und Welt verändern.
 
Sie geben selber der Kirche ein Gesicht, haben Ihren eigenen Stil geprägt. In wieweit ist das wichtig, das zu tun? Sie sind ja so etwas wie ein kleiner Popstar in Berlin geworden, durch Ihren Lebensstil, durch das Fahrradfahren in Berlin etc. Wie trägt das dazu bei, zu Katechisieren und Jesus Christus sein Gesicht zu geben?
 
Ich möchte auch im Alltag ansprechbar sein. Die Reaktionen verstehe ich auch als eine Anfrage an uns, wie wir als Bischöfe und Priester leben und welches Bild wir vermitteln. 
Ich glaube, dass es uns insgesamt gut tun wird, möglichst normal zu leben und nicht Hof zu halten. Der Herr sagt, ich bin gekommen, nicht um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen. Und der Jünger steht nicht über dem Meister. Wenn das der Herr so getan hat, können wir nichts anderes tun. 
Jeder versucht das auf seine Weise. Ich habe andere Fehler, Schwächen und Defizite, wo andere das sehr viel besser machen als ich. Ich versuche das, was meinem Naturell entspricht.
Sie genießen es also, im Wedding zu leben und Rainer Maria Woelki sein zu können? Wenn ich das richtig verstanden habe, dann ist das keine Taktik.
 
Genau. Das ist so und ich kann natürlich im Wedding nicht einfach so leben, denn die Menschen wissen schon genau, wer ich bin und ich werde angesprochen, vom Bäcker angefangen über die Frau, die die Currywurstbude betreibt und Leute, die davor stehen.Auf der anderen Seite bin ich einer von ihnen. Und das ist etwas ganz Wichtiges und ganz gutes, dass sie spüren, dass ich auch so ein wenig vom dem Normalleben weiß, das Menschen heute zu leben habe. Ohne das zu wichtig machen zu wollen: Ist das schon ein wenig Verkündigung? Vielleicht ist es das, was man heute „niederschwelliges Angebot” nennt. Auf der anderen Seite fällt mir auch der Herr ein, wie er unterwegs ist und sich auf einmal wundert, dass zwei hinter ihm hergehen und er sie dann fragt: Was wollt ihr eigentlich? Was sucht ihr eigentlich? Sie antworten: Rabbi wo wohnst du? Und er sagt: Kommt und seht! 
Vielleicht ist es das auch, wie am besten Evangelisierung und Neuevangelisierung heute geschehen kann. Ich denke schon, dass es wichtig ist, über Akademien und Austausch über Kultur und Kunst Verbindungen zum Glauben zu schaffen. Aber auf der anderen Seite glaube ich, dass die beste Methode der Evangelisierung dieses „Wo wohnst du? – komm und sieh!“ ist, dass wir als Christen anderen Anteil geben an unserem Leben und sie darüber erkennen können, wie es möglich ist, heute als Christ zu leben.

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