Dienstag, 30. Oktober 2012

Augen der Großstadt

Heute mal ein Gedicht von Kurt Tucholsky, das mich schon seit längerem bewegt und welches ich sehr mag. Ich habe eine schöne Vertonung dieses Gedichtes, die jedoch leider nicht im Internet zu finden ist. Jedes mal, wenn ich es höre, gehen mir viele Bilder durch den Kopf... irgendwann muss ich mal eins davon mit der Kamera umsetzen...

Augen der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
          da zeigt die Stadt
          dir asphaltglatt
    im Menschentrichter
    Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück ...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
          Ein Auge winkt,
          die Seele klingt;
    du hasts gefunden,
    nur für Sekunden
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück ...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
          Es kann dein Feind sein,
          es kann dein Freund sein,
          es kann im Kampfe dein
          Genosse sein.
    Er sieht hinüber,
    und zieht vorüber ...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das?
          Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

(1931)

Vorbei, verweht, nie wieder...


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