Samstag, 3. November 2012

Der Abend

Romano Guardini

Auch er hat sein Geheimnis: Das des Todes. Der Tag geht zu Ende; der Mensch rüstet sich, in das Schweigen des Schlafes einzugehen. Der Morgen war vom Kraftgefühl des erneuerten Lebens erfüllt; am Abend ist das Leben müde und such Ruhe. Und hindurch klingt das Geheimnis des Todes. Oft vernehmen wir es nicht; da ist unser Inneres noch von den Bildern des gegenwärtigen Lebens erfüllt., gespannt von Wünschen und Plänen für den kommenden Tag. Manchmal klingt es leise herein wie fernes Ahnen. Aber es kommen auch Abende, an denen wir fühlen, wie das Leben sich neigt, dem großen Dunkel zu, "da niemand mehr wirken kann.
Und alles hängt davon ab, ob wir das Geheimnis des Todes verstehen. Sterben heißt nicht nur, daß ein Leben zu Ende geht. Sterben ist letze Aufgebot dieses Lebens; seine äußerste, alles entscheidende Tat. Was im Leben geschieht, des einzelnen oder eines Volkes, ist nie fertig oder erledigt. Immer kommt es noch darauf an, was Mensch und Volk daraus machen. Danach, wie sie sich dazu stellen, schaffen sie etwas Neues aus dem bereits Geschehenen, zum Guten oder zum Schlimmen, Denke, ein großes Leid wäre über ein Volk hereingebrochen. Wohl ist's geschehen, aber noch nicht abgeschlossen. Das Volk kann verzweifeln, es kann aber auch umdenken und neu beginnen. Dann erst vollendet sich, was doch lang geschehen war. Sp bedeutet der Tod im Tiefsten dieses: Er ist das letzte Wort, das ein Mensch zu seinem vergangenen Leben spricht; das endgültige Antlitz, das er ihm gibt. Da geht es um die große Entscheidung, ob der Mensch sein ganzes Leben noch einmal in die Hand nimmt. Die Reue erfaßt, was verfehlt war und glüht es um; für das Gute, das geschehen, geben Dank und Demut dem Herrn die Ehre, und alles wird hineingeworfen in die rückhaltlose Hingabe an Gott - oder aber der Mensch verzagt und läßt das Leben entgleiten in ein Ende ohne Würde und Kraft. Dann hat's überhaupt kein Ende; es hört bloß auf. Es hat keine Gestalt und kein Antlitz.
Das ist die hohe "Kunst des Sterbens": Die Kunst, das vergangene Leben zu einem einzigen Ja für Gott zu machen. Nun sieh: jeder Abend soll eine Übung sein in dieser hohen Kunst, dem Leben einen wirklichen Beschluß zu geben, der allem Vergangenen erst end-gültigen Wert und ewiges Antlitz schafft.
Abendstunde ist die Stunde des Vollendens. Wir stehen vor Gott, ahnend, daß wir einst von Angesicht zu Angesicht, zur letzten Verantwortung, vor ihm stehen werden. Wir fühlen, was in dem Wort liegt: "Es ist geschehen." Das Gute; das Böse; Verlieren und Vergeuden. Wir stellen uns zu Gott, zu Ihm, "dem alles lebt", Vergangenes wie Zukünftiges, und der selbst Verlorenes dem Reuigen wiederschenken kann. Und vor ihm geben wir dem vergangenen Tage sein endgültiges Antlitz. Was darin nicht recht war, erfaßt die Reue und "denkt es um"; was gut gewesen, davon tut demütig aufrichtiger Dank alle Eitelkeit ab. Und alles Ungewisse, alles Unzulängliche, Arme und Trübe taucht rückhaltloses Vertrauen in Gottes allmächtige Liebe. 

(aus: Romano Guardini: Von heiligen Zeichen, Mainz 1927.)



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